BR-Klassik, Sylvia Schreiber

"IM KONZERT KANN ICH DIE MUSIK WÜRZEN"
KLASSIK AKTUELL Interview mit der Dirigentin Anja Bihlmaier

BR Klassik: Sie dirigieren in der Isarphilharmonie ein Programm, bei dem so ziemlich „alles Walzer“ ist. Einmal „An der schönen blauen Donau“, einmal „La Valse“ von Ravel. Wie unterschiedlich beschwingt sind diese beiden Walzer?

Anja Bihlmaier: Beschwingt sind beide, aber sie erzählen ein bisschen was anderes. „Die schöne blaue Donau“ hat, von den Melodien her gesehen, noch diese heile Welt. Sie beschreibt eben dieses Wien, dieses Üppige, diese tolle Zeit. Aber es gibt auch diesen Text dazu, der nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz geschrieben wurde. Es hat also auch etwas Bitteres.

Bei „La Valse“ gibt es nur noch ganz wenige schöne Klänge, und es gibt die Vorahnung vom Krieg, der kommen wird und dann auch stattgefunden hat. Man hört richtig, wie Bomben einschlagen, man hört Sirenen, man hört Marschklänge. Es gibt einen Zweivierteltakt gegen einen Dreivierteltakt. Das Beschwingte wird quasi zerstört oder unterbrochen. Und dann kommen plötzlich doch wieder in den Bratschenstimmen Stimmen die schönen Walzerklänge, zu denen man dazu eigentlich sehr beschwingt und gerne gerne tanzen möchte – und es wird immer mehr zerbrochen und am Ende ist eigentlich nichts mehr da. Es ist ein großartiges Stück.

BR Klassik: Apropos Tanzen: Können Sie tanzen?

Anja Bihlmaier: Ich hab es nie gelernt, aber ich bewege mich sehr gerne. Und ich liebe Opernbälle. Wenn man dann einen tollen Tanzpartner hat, der gut führen kann, dann klappt es ganz gut.

Ein Walzer muss sich immer bewegen, selbst, wenn es langsamer wird.

Anja Bihlmaier

BR Klassik: Wenn Sie Musik haben, die doch auch tänzerisch inspiriert ist, spüren Sie die Musik da auch körperlich? Sie sind ja eigentlich mit zwei Füßen mehr oder weniger festgenagelt auf dem Dirigentenpult, der Bewegungsrahmen für die Füße ist klein.

Anja Bihlmaier dirigiert | Bildquelle: Nikolaj Lund

Dirigentin Anja Bihlmaier braucht beim Dirigieren Bewegungsfreiheit. | Bildquelle: Nikolaj LundAnja Bihlmaier: Man hat doch mehr Möglichkeiten zur Bewegung, als man denkt. Ich spüre das total, und Dirigieren ist ja Kommunikation – und Kommunikation geht mit dem ganzen Körper. Es geht natürlich auch um Mimik, aber ich spüre sehr, wie das schwingt und achte auch auf das Orchester, damit wir eine gemeinsame Schwingung haben. Es ist ein bisschen wie beim Surfen. Man surft auf der Welle und unten sind die Haie. Wir wollen nicht runterfallen vom Surfbrett. Also müssen wir schauen, dass wir wirklich dieselbe Welle erwischen. Und beim Donauwalzer oder auch bei „La Valse“ ist es so, dass es immer schwingt und immer weitergeht – das muss bestehen bleiben. Es stoppt nie.

BR Klassik: Gibt es für beschwingte Musik eine andere Konzertkleidung am Pult? Wie suchen Sie Ihre Dirigierkleidung aus?

Anja Bihlmaier: Mir ist wichtig, dass ich mich wohlfühle und dass es eine Form hat. Denn mir ist Form in der Musik sehr wichtig. Genauso bei Sprache. Es ist wichtig, dass es klare Artikulation gibt, eine klare Struktur, eine Richtung, und innerhalb dieser Sache gibt es dann ganz viel Leidenschaft und Ausdruck. So ist es auch mit meiner Kleidung. Ich habe eigentlich meistens klassische Schnitte. Diese Woche habe ich zum Beispiel einen maßgeschneiderten Jumpsuit an. Der fließt, ist elegant und man kann sich gut bewegen.

BR Klassik: Auf den Donauwalzer folgt das erste Cellokonzert von Dmitrij Schostakowitsch. Das ist schon ein Kontrast, der weniger in die Beine geht, sondern vielleicht sogar ein bisschen Beine macht. Man hat manchmal den Eindruck, es ist wie so ein Katz-und-Maus-Spiel in diesem Konzert. Was mögen Sie an dieser Gegenüberstellung?

Anja Bihlmaier: Also das ganze Programm – Schostakowitsch, dann auch später der Zimmermann plus die beiden Walzer – ist inhaltlich sehr eng miteinander verknüpft. Es geht darum, was passiert, wenn Demokratie abgeschafft wird, wenn ein Machthaber die Gesellschaft zerstört, wenn Kultur abgeschafft wird und was dann am Ende übrig bleibt.

Bei Schostakowitsch ist es so: Er hat das Konzert nach dem Tod Stalins geschrieben und war sehr bedroht. Er hatte ständig Angst um sein Leben, weil er nicht so komponieren durfte, wie er gedacht hat. Stalin hat die Kulturschaffenden einfach abholen und hinrichten lassen. Nun war Stalin tot, und in diesem Cellokonzert merkt man, wie sarkastisch diese Freude über den Tod dieses Diktators ist.

Trotzdem hört man auch Reminiszenzen, bei denen man merkt, wie düster es ist oder wie klar. Eine Schönheit, die aber etwas sehr Bedrohliches hat. Vielleicht ein Rückblick auf sein Leben, wie sehr er gelitten hat, und er schildert es trotzdem mit Schönheit. Zum Beispiel der letzte Satz mit diesem Katz-und-Maus-Spiel: Da hat er ein Volkslied genommen, das Stalin immer benutzt hat, um sich heroisch darzustellen. Er schreibt es jetzt in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit, benutzt es und lässt das Cello sich mit dem Orchester jagen. Das ist wirklich ganz schwarzer, böser Humor auf die Spitze getrieben. Der Reiz ist, dass es klanglich ein sehr großer Kontrast zum Donauwalzer ist, aber inhaltlich ist es gar nicht so weit davon entfernt.

BR Klassik: Wie stark nimmt einen das mit? Davon profitiert ja auch die Wirkung dieses Kontrasts.

Anja Bihlmaier: Es ist sehr anspruchsvoll fürs Orchester und auch für mich, weil alle vier Stücke sehr viel Emotion und sehr viel innerliche Kraft erfordern. Und die Schwierigkeit besteht darin, dass sie stilistisch so unterschiedlich sind. Bei der „Schönen blauen Donau“ gibt es diese unglaublich schönen Melodien, die sehr fein und zerbrechlich sind. Jeder Takt hat ein anderes Tempo. Man muss, obwohl man in so einer großen Gruppe musiziert, gemeinsam diesen Geist finden – und das geht nur, wenn alle wirklich in einer Hundertstelsekunde aufeinander hören und reagieren. Das braucht eine wahnsinnige Konzentration. Beim Schostakowitsch beginnt das Cello alleine im ersten Takt und danach muss fast militärisch präzise auf den Punkt gespielt werden. Es hat etwas ganz Gnadenloses und auch keine Schönheit. Es ist, als ob man in einem Schauspiel sofort eine ganz andere Person darstellen muss. Das kostet sehr viel Kraft, aber es hat einen sehr großen Reiz. Für das Publikum ist es unglaublich, denn die Stücke werden erlebbar, und die Zuhörerinnen und Zuhörer spüren das dann körperlich.

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